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Auszug aus dem Roman 'Rote Tinte'


FREITAG 22 MAI 1981

HOCHZEITSNACHT

Shirin fühlte sich unwohl, wenngleich sie jemanden heiraten wollte, den sie sehr liebte; und obwohl sie wegen ihrer Hochzeit eher in große Euphorie schwelgen sollte, die allerdings bei den Familienmitgliedern, nahen Verwandten und Shirins Freundinnen im vollen Gange war, fühlte sie sich zittrig einer inneren Furcht vielleicht vor einer Verpflichtung, der Gründung einer Familie nicht gewachsen zu sein.

Sie war eine schüchterne Frau, wahrscheinlich bedingt aufgrund ihrer Geschichte und ihren Erlebnissen, die sie nie mehr losließen. Ihr rechtes Auge versteckte sich hinter ihren dunkelblond geflochtenen Haarsträhnen, die durch die rote Abendsonne ein wenig rosa leuchteten, die wiederum hinter der Ziegelmauer noch ihre Anwesenheit bekundete und damit die entlang der Mauer hängende Lichterkette noch große Konkurrenz machte.

Ihre Strahlen drängten zwischen manche abgenutzten Ziegel hin, durch die Blätter und Äste des großen Orangenbaumes und des Kirchbaumes im Hof und warfen Lichtflecke auf den Steinplatten des Hofes. Die Strahlen vermittelten gleichwohl eine Sanftheit, die die Gäste aufmerksam stimmte.

Die Kinder verteilten sich, wenn auch nicht für alle vorhanden, auf die Lichtflecke, die ab und zu ihre Intensität verloren, indem die Äste und die Blätter sich in den Wind legten und hin und her klatschten. Andere Kinder spielten Versteck und machten einen reibungslosen Durchgang der Gäste im Hof unmöglich, da sie zwischen den Kindern, Tischen und Stühlen sich bewegten.

Es herrschte eine rege Stimmung im Hof. Die Hochzeitsgäste schienen ihre Schwierigkeiten zu haben, zueinander Anschluss zu finden. Da die Gastgeber selber mit ständigen Vorbereitungen noch beschäftigt waren, kam es einigen nicht ungelegen, in ihrer eigenen Ecke zu verweilen.

Mit einem zögernden unangenehmen Blick aus dem Winkel des linken grünen Auges von Shirin durchsuchte sie heimlich ihre Umgebung, indes sie sich stets beobachtet fühlte. Mit einem weichen Lächeln senkte sie ihren Blick gen Boden, um ihre Verlegenheit gegenüber den Beobachtern zu verbergen.

Man merkte es obendrein bei Shirin durch ihre hochhackigen Schuhe unbeholfenen Gang die Unsicherheit, da sie fast an jedem Stuhl oder Tisch stolperte, die sie an diesem Abend stets begleitete und in gewisser Weise bekleidete.



WINDGESPRÄCHE

Sprich!
Mit Wind
in ihm verbirgt sich
dein gesuchtes Wort viel-
leicht vergisst dann
dein Verstummen die Buchstaben festzuhalten




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